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Groß Laasch - Erinnerungskultur als politische Strategie

26. 03. 2021

Toten-Gedenken vor 100 Jahren: 1921 fand in Groß Laasch ein Kriegerdenkmal Aufstellung

Es ist der 27. März 1921. Für diesen Ostersonntag hat sich mit Adolf Friedrich, vormals Herzog zu Mecklenburg, hoher Besuch in Groß Laasch angekündigt. Anlass ist die Einweihung eines „Denkmals der Gefallenen 1914–1918“ mit allem, was dazu gehört. Angesichts dessen wollen weder die Gemeinde noch der Kriegerverein ihr Licht unter den Scheffel stellen. Die Orts-Honoratioren erscheinen im Frack mit Schärpe, Gemeindevorsteher Tiedemann trägt die ihm im Felde verliehenen Ehrenzeichen: das Eiserne Kreuz und das Mecklenburgische Militärverdienstkreuz. Gleich ihm tragen Dutzende Laascher Exkombattanten militärische Orden an ihrem Sonntagsstaat, die Ältesten noch jene aus dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71.
Vor dem noch verhüllten Gedenkstein auf dem Dorfplatz herrscht eine emotionsgeladene Stimmung. Es ist eine skurrile Mischung aus Trauer um im Weltkrieg gefallene Angehörige und Empörung über die derzeit miserablen Lebensumstände, aus Zorn auf die „Feinde“ und aus Wut über die „Schmach von Versailles“. Erst gestern hat Generalfeldmarschall v. Hindenburg erklärt, Frankreichs Hass auf Deutschland müsse ein Ende haben, der moralische Krieg führe nur zu neuen Ressentiments. Solche sind hier und heute ohnehin deutlich vernehmbar. Die einen schimpfen über die vor drei Wochen erfolgte französische und belgische Besetzung von Duisburg und Düsseldorf als Pfand für ausstehende Reparationszahlungen, die anderen meinen, die eigenen Truppen hätten tapfer und gut gekämpft, die Feinde ohne den „Dolchstoß“ niemals den Sieg davongetragen.
Besonders erregt ist die Diskussion über die Landespolitik. Vor zwei Wochen hatten wegen des Zerfalls der bisherigen Koalitionsregierung vorgezogene Landtagswahlen stattgefunden. Daraus sind die Sozialdemokraten, seit Januar 1921 mit einem Minderheitskabinett im Freistaat Mecklenburg-Schwerin regierend, wiederum als stärkste Kraft hervorgegangen. Vermutlich wird Johannes Stelling auch die neue Landesregierung führen.
Unter großer Anteilnahme der Anwesenden spricht Gemeindepfarrer Gotthard Romberg emotionale Worte der Weihe. Der Redner hat selbst einen seiner Söhne im Krieg verloren. Vom hohen Blutzoll im Weltkrieg zeuge die Tatsache, dass schlussendlich auf der vierseitigen Stele 47 Laascher Kriegstote verewigt seien: 47 Familienväter, Ehemänner, Söhne und Brüder, 47 Bauern, Büdner, Häusler und Handwerker. Fast jeder dritte wehrtüchtige Mann des Dorfes blieb im Krieg, dem insgesamt, die Verwundeten eingerechnet, jeder zweite Mann zum Opfer gefallen ist! Was für ein Aderlass für das einst volkreichste Dorf Mecklenburgs! Die Gefallenen standen im besten Mannesalter, 19 Jahre zählte der Jüngste, 35 der Älteste. Darüber hinaus sind mindestens 23 Männer mit leichten bzw. schweren Verwundungen zurückgekehrt, 9 aus der Kriegsgefangenschaft. Obgleich auf der Stele nur ein großes Eisernes Kreuz angebracht sei, solle jeder wissen, dass 28 Männern aus Groß Laasch das Eiserne Kreuz und 18 das Mecklenburgische Verdienstkreuz verliehen worden sei. Welch ein fatales Äquivalent: 28 Eiserne Kreuze gegen 50 Weltkriegstote!
Eine ähnlich schlimme Quote weisen andere Dörfer und Städte aus. Beispielsweise werden im benachbarten Weselsdorf, wo nur 25 Familien in Büdnereien bzw. Häuslereien leben, 8 Weltkriegstote gezählt und 98 im nahe gelegenen Neustadt mit doppelt so vielen Einwohnern wie Laasch. Von den 5500 Einwohnern der Stadt Grabow sind mindestens 225 Männer gefallen.
So ehrlich es die Laascher Hinterbliebenen mit ihrer Trauer meinten, so ahnungslos waren sie, dass die Errichtung dieser Denkmale Teil einer politischen Strategie ausgerechnet jener Militärführung war, die den ersten modernen Massenvernichtungskrieg bis zum Schluss geleitet hatte.
Bereits am 27. Juni 1919 hatte die Oberste Heeresleitung in Richtlinien für die deutsche Politik formuliert: „Der ‚festgewurzelte Irrglaube‘ an Deutschlands Kriegsschuld muß zerstört werden durch Aufklärung jeder Art, durch Proteste und Kundgebungen bei jeder sich bietenden Gelegenheit…“ In der Folge fanden, organisiert von Krieger- und Offiziersvereinen sowie von Gemeinden, in Mecklenburg eine Reihe derartiger Veranstaltungen statt, so etwa im August 1920 die Eröffnung des Ludwigsluster „Heldenhaines“ und ähnliche Manifestationen in Neukloster, Rostock und in Neustadt (Glewe). Am 5. Mai 1921 wurde im Schlosspark Ludwigslust, in Anwesenheit des abgedankten Großherzogs Friedrich Franz IV., das von diesem schon während des Krieges in Auftrag gegebene Jäger-Denkmal von Hugo Berwald enthüllt. Bald hatte fast jeder Ort ein oder mehrere solcher Denkmäler.
Wohl niemand ahnte, dass keine zwanzig Jahre später ein neuer Weltkrieg beginnen und dreimal so viele Opfer kosten würde.

 

Dr. Michael Herms

SVZ am 26.03.2021

 

Bild zur Meldung: ADOLF FRIEDRICH KAM VOR 100 JAHREN ZUR EINWEIHUNG DES DENKMALS NACH GROSS LAASCH

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