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Groß Laasch - Vom Schicksal einer Kirchenglocke

09. 07. 2021

Im Juli 1917 mussten Groß Laascher ihre kleine Glocke zum Einschmelzen abliefern

Im Herbst erscheint vom Autor im Verlag Edition Temmen die Erzählung „Die Anleihe“, die das Leben der Menschen aus Groß Laasch/Ludwigslust in der Zeit um den Ersten Weltkrieg nachzeichnet.

Ostersonntag 1917. Frohgemut besucht Anna Lendt den Gottesdienst in ihrem Heimatdorf Groß Laasch. Ihr Verlobter hat in einem Feldpostbrief sein Kommen im Mai zugesagt. Dann wird Hochzeit gefeiert! Gleicht der Glockenklang heut nur in ihren Ohren einem Hochzeitgeläut?
Auf den Bänken der Pfarrkirche sitzen Alte, Kinder und nicht wenige trauertragende Frauen. Im vierten Kriegsjahr betrauert die Gemeinde schon 39 Gefallene. Glücklicherweise ist akut kein Heldentod aus ihren Reihen zu beklagen. Dennoch predigt Pastor Gotthard Romberg nicht unbeschwert. Wie könnte er? Einem jüngsten Erlass zufolge sind alle bronzenen Kirchenglocken, denen kein besonders historischer oder künstlerischer Wert zugeschrieben wird, zum Einschmelzen für Kriegszwecke abzuliefern. Es steht zu befürchten, dass die Laascher Glocken weder künstlerisch noch historisch wertvoll sind, wenn es lautstark „Blut und Eisen“ tönt.
Ohne offen gegen diesen kriegswichtigen Akt zu opponieren, geht er in seiner Predigt aufs hiesige Geläut ein. Er ruft der Gemeinde einen Vers aus der „Stillen Nacht“ in Erinnerung, in dem die Glocken klingen… als ob Engelein singen wieder von Frieden und Freud und fragt: „An uns soll es sein, unsere Glocken danach einzustufen, ob sie historisch oder künstlerisch wertvoll sind? Wir vermögen beides nicht einzuschätzen, gleichwohl wissen wir um ihren Wert für unser Gemeindeleben.“
Der Geistliche spricht über die ältere, die kleine Glocke. Noch aus der Vorgängerkirche stammend, zeuge eine Gravur von einem ersten Umguss vor über 200 Jahren: Es geschah anno 1714 unter dem Dorfschulzen G. M. Meyer und Pastor Hermann Caspar Nann durch den Grabower Glockengießer N. H. Siebenbaum. Mit ihrem Geläut habe die Glocke 1792 die Weihe des heutigen Gotteshauses und 1885 die Installation der Orgel aus der Schweriner Werkstatt Friedrich Friese begleitet. Historisch nicht wertvoll? „Warum wohl“, fragt der Pastor, „haben wir gesammelt, als die Glocke 1797 in Lübeck ein zweites und 1877 in Wismar ein drittes Mal umgegossen werden musste? Mit dieser treuen Begleiterin läuteten Generationen unserer braven Küsterfamilie Tapp Kindstaufen und Hochzeiten ein oder warnten uns bei Feuer und Unwetter. Trotz allem werden wir sie schweren Herzens hergeben müssen für den Sieg unseres Vaterlandes.“ Für die große Glocke betet die Gemeinde: „Gott gebe es, dass ein baldiger Friede die Einschmelzung nicht nötig macht. – Amen!“
15. Mai 1917. Unter Glockengeläut geleitet Brautvater Christian „sien Anni“ bei Orgelspiel in die Kirche, gefolgt vom Bräutigam Hermann und dessen Vater. An diesem Tag geloben die Brautleute, sich zu lieben, bis dass der Tod sie scheide. Mehr als zweieinhalb Dutzend Laascher Heldentode gedanklich vor Augen, lässt Pastor Romberg fürsorglich nicht unerwähnt, dass dieses anspruchsvolle Versprechen angesichts des Kriegs, weiß Gott, um einiges mehr wiege. Noch sei kein Ende des Sterbens an den Fronten und der allgemeinen Lebensmittelmisere absehbar. Selbst die kargen Rationen werden fortan nur noch in dünnen Blechtöpfen zu kochen sein, hat man die Bevölkerung doch gerade zur Ablieferung aller Haushaltsgegenstände aus Kupfer, Nickel und Messing verpflichtet. Ist das ein Wunder, da man selbst die Kirchenglocken einschmelzen will? Sollten diese bei Annas Hochzeit letztmals geschlagen haben?
Juli 1917. Die große Glocke soll zum Schmelzen abgeliefert werden, doch hat Pastor Romberg darum gebeten, sie auf ihren Klang und somit auf ihren künstlerischen Wert zu überprüfen. Dazu erscheint am 14. Juli der Großherzogliche Musikdirektor Adolf Emge aus Schwerin. Allein nach der Prüfung meint Emge, so leid es ihm als Komponist, Chorleiter und Organist täte, dieses Amtes walten zu müssen, sähe er sich außerstande, ein Gutachten für den Erhalt der Glocke zu verschriften.
Am 30. Juli wird die kleine Glocke abgenommen. Sie lässt sich vom Schmied selbst mit dem schwersten Hammer nicht entzweischlagen. Vier Männern gelingt es, sie im Ganzen herunterzumanövrieren. Pastor Romberg und der Kirchenjurat Heinrich Hamann begleiten die Glocke nach Grabow. Die Firma Hermann Jakob, Großhandlung und Sortierwerk, erfasst seit 40 Jahren Lumpen, Alteisen und Metalle für die Rohproduktion der Industrie und nunmehr selbst Kirchenglocken. Auf einer Waage sehen der Pfarrer und der Jurat die Glocke ein letztes Mal. Im Kontor legt man ihnen eine Eigentumsabtretung an den Reichs-Militärfiskus zur Unterschrift vor, händigt ihnen die Empfangsquittung sowie den Übernahmepreis aus. Welch trauriger Tag in dieser traurigen Zeit! Die Orgelpfeifen sind schon abgeliefert, denn auch Zinn ist nach Mitteilung der Kreisbehörde für Volksernährung ein kriegswichtiges Material. Bleibt die Hoffnung, dass das schmiedeeiserne Taufgestell und die Taufschale aus Messing aus dem Jahre 1576 der Ablieferung entgehen.
Am Abend notiert Romberg mit zitternder Hand: „Sie wog 198 kg á 3,50 Mark = 693 Mk. wozu noch 198 Mk. für die Ablieferung noch vor dem August gezahlt wurden, also zusammen 891 Mk.“ Er schließt: „Wann wird Gott uns eine neue Glocke geben, die Friedensklänge hat?“ In dieser Nacht entlädt sich über Groß Laasch ein schweres Gewitter und nahe am Hause Rook schlägt ein Blitz in eine Esche ein.
Die Glocken wurden in den 1920er-Jahren ersetzt, die Orgelpfeifen 1928 durch die Schweriner Werkstatt Marcus Runge.

 

Michael Herms

SVZ am 09.07.2021

 

Bild zur Meldung: DIE KIRCHE GROSS LAASCH VERLOR IM JULI 1917 IHRE GLOCKE. HERMS

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